Skisprungexperte Gerd Siegmund vor der neuen Saison

Kaum einer ist so nah dran am Skisprungzirkus wie Gerd Siegmund. Der 46-Jährige, der 1994 im kanadischen Thunder Bay selbst einen Weltcup gewann, versorgt als Servicemann die Hauptdarsteller mit Helmen und Brillen, gibt als Experte dem ZDF sein Fachwissen weiter und berät als Manager u. a. Schanzen-Ass Richard Freitag. AVIA hat den Erfurter vor dem am Freitag in Wisla beginnenden Skisprungwinter befragt.


AVIA: Hallo Gerd, es geht schon wieder los… Freust Du Dich auf die anstehende Saison?

Gerd Siegmund: Ja klar. Die Springer sind zwar seit Jahren auch im Sommer präsent. Doch das Salz in der Suppe sind die Wettkämpfe auf Schnee.

AVIA: Worauf bezieht sich die Vorfreude? Eine nordische WM oder Olympia gibt es im kommenden Winter nicht.

Gerd Siegmund: Eine Skiflug-WM steht an, wenn auch erst zum Abschluss im März. Aber eine Vierschanzentournee ist jedes Jahr ein Highlight. Aber ich glaube, es kann eine sehr spannende Saison werden. Denn einen klaren Favoriten oder einen Überflieger, wie es ihn in der jüngsten Vergangenheit mit Peter Prevc, Stefan Kraft, Kamil Stoch oder Ryoyu Kobayashi gegeben hat, sehe ich aktuell nicht.

AVIA: Die dominante Stellung von Kobayashi im Vorwinter war im Sommer zuvor auch nicht ersichtlich. Dann hat er alle vier Tourneespringen gewonnen…

Gerd Siegmund: Ja, und ich bin gespannt, wie er den ganzen Rummel um seine Person weggesteckt hat. Die Ergebnisse des Sommers sind mittlerweile schwer einzuordnen, weil keiner mehr überall springt. Und wenn sie es tun, weiß man nicht, haben sie sich speziell vorbereitet oder nehmen sie den Grand-Prix aus dem vollen Training heraus nur nebenbei mit.

AVIA: Bei den Weltcuporten gibt es nicht viel Neues, oder wie siehst Du den Kalender?

Gerd Siegmund: Rasnov in Rumänien ist hinzugekommen. Dort steht eine kleinere Anlage, was immer wieder mal interessant ist. Ansonsten finde ich den Kalender ausgewogen. Die ersten drei Stationen mit Wisla, Ruka und Nischni Tagil werden sowohl reise- als auch sprungtechnisch eine Herausforderung. Es sind drei sehr unterschiedliche Schanzen, an denen auch mal frischer Wind wehen kann ...

AVIA: Was traust Du den deutschen Ski-Adlern mit dem neuen Bundestrainer Stefan Horngacher zu?

Gerd Siegmund: Ich glaube schon, dass wir ein sehr gutes Team haben und um Weltcupsiege mitspringen werden. Aber wie gesagt, die Sommerleistungen sind schwer zu beurteilen. Einen ersten guten Schachzug hat der Bundestrainer Stefan Horngacher schon gemacht. Durch seine guten Kontakte nach Polen wird unser Team vor dem Auftakt in Wisla noch in Zakopane trainieren und von dort aus direkt zum Auftakt anreisen. Bis auf Norwegen und Finnland ist derzeit kaum eine Schanze in Europa sprungfähig.

AVIA: Traust Du Severin Freund ein Comeback in diesem Winter zu?

Gerd Siegmund: Ehrlich gesagt, danach sieht es aktuell nicht aus. Ich wünsche es ihm natürlich. Doch Training und Wettkampfzirkus sind ja auch noch mal paar unterschiedliche Schuhe. Insgesamt deutet sich nationenübergreifend an, dass einige junge Springer den etablierten Druck machen werden.

AVIA: Martin Hamann gehört auch zu den Talenten, doch er hat den Weltcupzug erst einmal verpasst…

Gerd Siegmund: Ja, das ist sehr schade. Aber es wird Möglichkeiten geben, sich anzubieten. Er muss jetzt Plan B nehmen und sich im Continental-Cup aufdrängen. Spätestens zur Tournee ist die Chance da, sich zu zeigen.

AVIA: Noch mal zu Severin Freund. Seine Kreuzbandverletzung ist im Skispringen bei weitem kein Einzelfall mehr. Wie siehst Du diese Entwicklung?

Gerd Siegmund: Das ist sicherlich ein Thema, mit dem sich alle Beteiligten auseinandersetzen müssen. Deutschland betrifft es ja aktuell noch mit Andi Wellinger und David Siegel, die im Aufbautraining sind. Aber auch Anders Fannemel hat es im Sommer mit dieser schweren Knieverletzung erwischt. Die Entwicklung der Skibindungen im Zusammenspiel mit den Schuhen ist so rasant, dass Handlungsbedarf für das kommende Frühjahr besteht.

AVIA: Danke für die Einschätzung, Gerd! Wir freuen uns auf eine spannende Saison.

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News: Wintersport
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Gerd Siegmund