Gerd Siegmund´s Saisonfazit mit einen wichtigen Appell: „Es ist jetzt nicht die Zeit für Partys“

Abrupt ging der Winter wegen der Coronavirus-Pandemie in Trondheim zu Ende. Stefan Kraft aus Österreich holte die große Kristallkugel des Saisonbesten, Deutschland gewann die Nationenwertung. Auch wenn es derzeit wichtigere Dinge im Leben gibt als Skispringen, blickt Gerd Siegmund auf den Winter der Schanzen-Adler zurück und äußert sich auch zur Corona-Krise.


AVIA: Entschuldige die Frage, aber glaubst Du, es interessiert sich gerade noch jemand für Skispringen?

Gerd Siegmund: Ach, das denke ich schon, vor allem, welche Auswirkungen die Krise auf den Sport allgemein und natürlich auch auf das Skispringen haben wird.  

AVIA: Wie ist Deine Meinung dazu?

Gerd Siegmund: Vieles hängt von den nächsten Wochen ab und wie sich die Lage entwickelt. Wenn die geplanten Tagungen des Weltverbandes FIS bis Ende Mai stattfinden können und Reglementierungen im Material beschlossen werden sollten, wären die Sommer-Grand-Prix-Veranstaltungen wieder ein gutes Testfeld für die Neuerungen. Wobei ich denke, dass es zwar Änderungen, aber im Schuh-Bindungsbereich nicht so gravierende Beschränkungen geben wird. 

AVIA: Mit Blick auf die weitreichenden Folgen der Pandemie für den Sport sind die Skispringer noch gut weggekommen, oder?

Gerd Siegmund: Ja, zumal der Skiflug-Weltmeister nun ein Jahr später gekürt werden soll. Dass zwei Einzelweltcups weniger stattgefunden haben und das Springen in Willingen wegen des Sturms abgesagt wurde, fällt nicht weiter ins Gewicht. Im Prinzip war der Gesamtweltcup schon vor Trondheim und Vikersund entschieden.
 
AVIA: Mit einem aus Deiner Sicht verdienten Gewinner?

Gerd Siegmund: Stefan Kraft war der konstanteste Springer in diesem Winter. Er stand in 15 von 27 Wettbewerben auf dem Podest. Er hat sich nach zähem Beginn gesteigert und sich die Trophäe verdient. Dass er zu Beginn ein paar Probleme hatte, hängt vielleicht damit zusammen, dass er an seinem Setup so sehr geschraubt hat, in der Hoffnung, mit Ryoyu Kobayashi mithalten zu können. Als es nicht funktionierte, ist er dann wohl wieder einen Schritt zurückgegangen. Mit Erfolg.

AVIA: Das klingt so einfach?

Gerd Siegmund: Dadurch war das Gesamtpaket wieder stimmig, es hat ihm Sicherheit und Selbstvertrauen gegeben. Bei der Raw-Air-Tournee ist mir aber zum Schluss aufgefallen, dass auch bei den Topathleten alles stimmen muss, wenn man ganz vorn sein will. Die Saison zeigte: Auch ohne gravierende Regeländerung hat sich der Sport weiterentwickelt. Kobayashi, der Dauersieger des Vorwinters, war zwar immer noch sehr gut, aber nicht mehr dominant.

AVIA: Ein Wort und ein Blick voraus zu den deutschen Ski-Adlern.

Gerd Siegmund: Karl Geiger hat uns ganz viel Freude bereitet. Constantin Schmid stand erstmals auf einem Weltcuppodest, und Pius Paschke hatte seine beste Saison. Der Sturz von Stephan Leyhe trübt natürlich das Bild, auch dass Richard Freitag in der Saison nicht mehr die Kurve bekommen hat, muss man analysieren. Über die Gründe für die Stürze habe ich ja schon einiges erzählt. Sportlich sehe ich künftig wieder eine größere Gruppendynamik im deutschen Team. Denn wenn Severin Freund, Andreas Wellinger und David Siegel zurückkehren, dazu noch ein bis zwei junge Springer Ansprüche anmelden, wird eine Weltcupteilnahme kein Selbstläufer mehr sein.

AVIA: Walter Hofer geht nach knapp 30 Jahren als FIS-Renndirektor in Rente. Wie siehst Du sein Wirken?

Gerd Siegmund: Sehr positiv. Er hat die Entwicklung geprägt und dafür gesorgt, dass Skispringen jetzt so gut dasteht, wie es der Fall ist. Sicher sind nicht immer alle Entscheidungen ein Volltreffer gewesen, aber das geht auch gar nicht. In dieser Position kann man es nie allen recht machen. Insgesamt sehe ich Walter Hofer als einen Glücksfall für das Skispringen. 

AVIA: Sandro Pertile tritt seine Nachfolge an. Welche Aufgabe sollte er aus Deiner Sicht vorn anstellen?

Gerd Siegmund: Ich denke, vieles läuft sehr gut. Sicher sollte ein Augenmerk darauf liegen, dass auch die kleinen Nationen nicht mehr und mehr abgehängt werden, weil sie finanziell in der Materialschlacht nicht mehr mitgehen können. So richtige Lösungen habe ich derzeit auch nicht. Aber es dürfte nicht im Sinne des Erfinders sein, wenn Top-Leute für jeden einzelnen Sprung an einem Weltcupwochenende einen neuen Anzug nehmen.

AVIA: Die Stimmung ist gerade im Zuge der Corona-Krise, ein paar Unverbesserliche mal ausgenommen, ziemlich erdrückend und sicher auch beängstigend für viele Menschen. Kannst Du zum Schluss noch etwas Optimismus verbreiten?

Gerd Siegmund: Ich bin sicher kein Virologe oder einer, der in die Glaskugel schauen kann. Aber mich packt schon ein bisschen die Wut, wenn ich sehe, dass mancherorts die Sache auf die leichte Schulter genommen wird oder gar Partys gefeiert werden. Dazu bleibt doch auch später noch Zeit. Ich kann da auch nur an die Vernunft appellieren. Ich bin mir sicher, wenn wir uns an die Vorgaben der Experten halten, können wir schon im kommenden Winter wieder unseren faszinierenden Sport erleben – und zwar alle zusammen live an der Schanze. 

AVIA: Danke dir Gerd, bleib gesund! Und liebe Leser, passt auf euch auf und bleibt ebenfalls gesund!

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