Der Tourneekönig thront weiter über den weltbesten Skispringern. Dabei kommt jetzt erst die Königsdisziplin des Domen Prevc… Der Slowene gewann am Wochenende zweimal in Sapporo und reist als Topfavorit zur Skiflug-WM in Oberstdorf (Freitag, Samstag Einzel, Sonntag Team) an. AVIA hat seinen Skisprungexperten Gerd Siegmund vor der großen Flugshow im Allgäu befragt.
AVIA: Hallo Gerd, als Frühaufsteher hast du bestimmt alles gut verfolgen können, was im fernen Japan so passiert ist …
Gerd Siegmund: Ja, große Veränderungen hat es sportlich ja nicht gegeben, außer dass es Nika Prevc in Zao eben mal nicht aufs Podest geschafft hat. Das ändert aber nichts an den Kräfteverhältnissen, auch bei den Männern nicht, wo ihr Bruder Domen weiter dominiert.
AVIA: Und der sich buchstäblich zum zweiten Sieg gewackelt hat.
Gerd Siegmund: Ja, unglaublich, wie er trotz dieser Schaukelei in der Luft noch so weit kommt. Ihn kann nicht mal eine offene Schnalle am Schuh stoppen. Früher wäre er wahrscheinlich bei 100 Metern gelandet. Aber dieses Selbstvertrauen hat er sich hart erarbeitet, u. a. im Windkanal. Sein Absprung ist auch besser geworden. Deshalb kommt er nun auch bei Rückenwind besser zurecht. Da hat er sich früher schwerer getan.
AVIA: Was hältst du insgesamt vom Asien-Ausflug, auch bei den Frauen?
Gerd Siegmund: Für meinen Geschmack sind die Damen mit drei Stationen inklusive China in 14 Tagen einen Tick zu lange drüben. Zudem ziehen die Springen an einem Dienstag- und Mittwochvormittag unserer Zeit wenig Aufmerksamkeit nach sich. Andererseits nennt sich das Ganze eben Weltcup. Und da gehören Wettbewerbe in Japan oder den USA, wenn dann in Lake Placid gesprungen werden kann, auch dazu. Schließlich soll sich die Sportart global weiterentwickeln.
AVIA: Dafür wird es schon ab Freitag in Oberstdorf wieder ein Flugspektakel vor Tausenden Zuschauern geben. Was erwartest du, vor allem auch von den Deutschen?
Gerd Siegmund: Ich bin mir sicher, dass wir ein Fest erleben werden. Felix Hoffmann wird zurückkehren. Er hat nach seinen Knieproblemen wieder trainiert. Ich traue ihm zu, dass er vielleicht sogar am Podest schnuppern kann. Gespannt bin ich auf Philipp Raimund, der noch nicht so viel Flugerfahrung besitzt. Natürlich hängt viel von Domen Prevc ab. Mit seiner Stärke kann der Weltrekordler dafür sorgen, dass es eine große Streuung gibt, weil er den Anlauf so nach unten drückt.
AVIA: Vielleicht kommt es ja zur Wiedergeburt von Stefan Kraft. Was denkst du?
Gerd Siegmund: Das ist nicht unmöglich, schließlich ist er Titelverteidiger. Aber mit seiner Disqualifikation am Sonntag wegen einem fünf Millimeter zu kurzen Anzug dürfte die Stimmung auch nicht die beste sein. Es zeigt aber, dass vor großen Namen nicht Halt gemacht wird.
AVIA: Vielleicht wirkt die Olympianominierung für Stefan Kraft beflügelnd.
Gerd Siegmund: Das kann, muss aber nicht sein. In jedem Fall ist das für Trainer Andi Widhölzl keine einfache Entscheidung gewesen, einen in Zakopane dritt- und in Sapporo viertplatzierten Manuel Fettner daheim lassen zu müssen.
AVIA: Danke fürs Gespräch.