Domen Prevc bleibt der Nabel der Skisprungwelt, auch wenn er mal – so wie im Teamwettbewerb der Skiflug-WM in Oberstdorf - nicht gewinnt. Der Slowene fliegt weiter in seiner eigenen Liga. Ein Dauerlächeln hatten Japans Gold-Skispringer im Gesicht. AVIA hat mit Skisprungexperte Gerd Siegmund über das Spektakel im Allgäu gesprochen.

AVIA: Hallo Gerd, das war der lebende Beweis: Die Ski allein machen es bei Domen Prevc nicht aus. Was sagst du zu diesem Kuriosum?

Gerd Siegmund: Na ich war es definitiv nicht, der die Ski umgeschmissen hat, sodass sie danach herrenlos den Anlauf runtergefahren und durch die Luft geflogen sind. Aber Spaß beiseite: Ich vermute, das wird auch kein anderer gewesen sein.

AVIA: Slowenien scheint sich jedoch nicht damit abfinden zu wollen, dass Prevc nicht mehr zum ersten Flug antreten durfte.

Gerd Siegmund: Aber was soll das? Da gibt es klare Regeln. Der Athlet ist für sein Material verantwortlich, er muss darauf aufpassen. Und wer nicht rechtzeitig am Ablauf fertig ist, hat eben Pech. Da gibt es keinen Spielraum. Das wäre genauso, wenn man wieder anfängt zu sagen: „Der Anzug war nur zwei Millimeter zu kurz, das lassen wir durchgehen.“ Aber zwei Millimeter sind eben genauso ein Regelverstoß wie zwei Zentimeter.

AVIA: Die Situation ist danach erst so richtig eskaliert. Was sagst du dazu?

Gerd Siegmund: Da hat offenbar die Kommunikation zwischen dem Weltverband FIS sowie dem Athleten und den Trainern oben am Anlauf nicht richtig funktioniert. Klar, das war schon ein Drama. Rein von den Regularien ist es aber korrekt gewesen, so wie das von der FIS gehandhabt wurde. Und letztlich ist es auch müßig, darüber zu diskutieren. Die Punktzahl von Slowenien mit einem weiteren Flug von Prevc hätte wohl hochgerechnet ohnehin nicht zu einer Medaille gereicht.

AVIA: Dafür bleibt Domen Prevc sportlich über den Rest der Welt erhaben. Oder wie hast du seinen Auftritt im Einzel gesehen?

Gerd Siegmund: Ja klar. Ich weiß gar nicht, ob es schon mal so einen riesigen Vorsprung von 59,5 Punkten gegeben hat. Da gehen einem die Superlative aus. Er hat das Feld förmlich zerlegt. Die FIS hat das auch gut gemanagt, ihn zwei oder drei Luken tiefer anfahren zu lassen, damit es für ihn nicht zu gefährlich ist und es für viele Springer kein Problem wird, wenn sie gar nicht mehr über den Vorbau kommen.

AVIA: Was ist dir noch aufgefallen bei den Titelkämpfen?

Gerd Siegmund: Da sind in erster Linie die Japaner, die mit einer phänomenalen Leistung verdient Weltmeister geworden sind. Dass ein Tomofumi Naito mit 32 Jahren seinen größten Erfolg feiert, ist eine tolle Geschichte. Er hat in diesem Winter zum ersten Mal überhaupt Weltcuppunkte geholt und in Klingenthal als Sechster sein Potenzial angedeutet. Das Beispiel zeigt, manchmal braucht es einen langen Atem.

AVIA: Apropos, brauchen den auch die deutschen Fans, um wieder jubeln zu können?

Gerd Siegmund: Das sieht danach aus. Bei Felix Hoffmann hatte ich gehofft, dass er besser fliegt. Erfreulich war, dass Karl Geiger endlich mal ein paar positive Erlebnisse hatte. Philipp Raimund braucht noch ein paar Sprünge mehr auf den Flugschanzen, um sich an die Kräfteverhältnisse zu gewöhnen.

AVIA: Einem Stephan Embacher ist das mit 20 Lenzen gut gelungen…

Gerd Siegmund: Ja, und ich bin mir sicher, dass er mal ein Großer im Skispringen wird. Selbst noch in diesem Winter traue ich ihm zu, dass er Domen Prevc auf die Pelle rücken kann.

AVIA: Was erwartest du für den Heimweltcup in Willingen?

Gerd Siegmund: Auf jeden Fall eine Wahnsinnsstimmung, wie wir das aus dem Upland kennen. Mit jeweils zwei Einzel für die Frauen und Männer sowie dem Mixed am Freitag steht ein straffes Programm an. Es ist der letzte Weltcup vor Olympia, wobei das Mixed in Predazzo am 10. Februar auf der Normalschanze stattfindet. Ich bin gespannt, ob alle Nationen ihre Topleute schicken oder der eine oder andere nochmal trainiert. Ich gehe aber davon aus, dass wir die weltbesten Skisprung-Asse in Willingen sehen werden.

AVIA: Danke fürs Gespräch.