Die Weltcupgesamtsieger der Skisprungsaison 2025/26 sind gekürt – und kommen aus Slowenien und aus der Familie Prevc. Domen und Nika holten sich die Trophäe vorzeitig am Wochenende in Lahti. Im Mekka des finnischen Skisports war auch AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund dabei. Wir haben ihn befragt.

AVIA: Hallo Gerd, wie sind deine Eindrücke vom Wochenende aus Lahti, von Gewinnern und Verlierern?
Gerd Siegmund: Viele Wahrscheinlichkeiten sind eingetreten, aber es gab trotzdem auch einige Überraschungen. Dass Domen und Nika die große Kugel für den Gesamtweltcupsieg holen, war ja nur Formsache. Sie haben das beide hintereinander gut erledigt, wenngleich Domen das trotz seiner Disqualifikation bereits am Freitag gelang. Absolut stark war der erste Podestplatz eines Bulgaren im Weltcup, den Wladimir Zografski erreicht hat. Unabhängig davon war Lahti insgesamt eine gelungene Veranstaltung bei bestem Wetter.

AVIA: Dazu passt auch das Ergebnis der Lokalmatadoren im Super-Team…
Gerd Siegmund: Ja. Das hatte sich vorher auch ein bisschen angedeutet. Langsam erholt sich das finnische Skispringen. Es war das erste Podest seit über zehn Jahren durch Niko Kytosaho und Antti Aalto. Sie werden im nächsten Winter einen neuen Chefcoach bekommen. Der bei Olympia aus disziplinarischen Gründen suspendierte Igor Medved wird wohl, auch auf Wunsch der Athleten, nicht mehr ins Team zurückkehren.

AVIA: Etwas Glück war dennoch für die Finnen dabei…
Gerd Siegmund: Ja, aber das gehört dazu. Sicher haben sie von der Disqualifikation der Japaner, speziell von Ren Nikaido, profitiert. Alle waren froh, dass er wieder am Start stand, nachdem er eine Woche wegen der politischen Lage in Dubai gestrandet war. Keine Ahnung, warum Ren von einem Tag auf den anderen 400 Gramm weniger gewogen hat.

AVIA: Auch Domen Prevc wurde bei der Messung zwei Tage zuvor für zu leicht befunden. Was läuft da schief?
Gerd Siegmund: Das ist schwierig zu beantworten. Normalerweise darf das nicht passieren. Jeder hat eine Waage, deshalb ist es eigentlich der dümmste Fehler, der passieren kann. In offizieller Lesart des Weltverbandes heißt es, die Ski waren zu lang. Das kommt aber aufs Gleiche raus. Richtig blöd wird es aber, wenn Domen in Vikersund eine zweite Gelbe Karte erhalten würde. Dann wäre er beim Finale daheim in Planica zumindest für ein Springen gesperrt.

AVIA: Dafür darf sich Philipp Raimund jetzt Weltcupsieger nennen? Was sagst du zum deutschen Skispringer dieses Winters?
Gerd Siegmund: Ja bravo! Aber das war auch nur eine Frage der Zeit, bis er das schafft. Kurios ist es natürlich, dass einer erst Olympiagold holt und danach den ersten Weltcupsieg feiert. So oder so ist es eine Wahnsinnssaison, die der Junge springt.

AVIA: Die Damen fliegen dagegen weiter am Podest vorbei. Wie schätzt du die Lage im Team von Heinz Kuttin ein?
Gerd Siegmund: Momentan ist die Mannschaft nicht ganz wettbewerbsfähig, wobei Rang fünf und sechs durch Selina Freitag keine schlechten Platzierungen sind. Der Abstand zum Podest ist allerdings etwas zu groß. Ich hoffe, dass auf den letzten drei Stationen in Oslo, Vikersund und Planica noch was geht für die deutschen Springerinnen.

AVIA: Noch ein Wort zur Junioren-WM in Lillehammer, die du sicher auch verfolgt hast?
Gerd Siegmund: Ja klar. Stephan Embacher hat als erster Skispringer überhaupt drei Jahre in Folge den Titel gewonnen. Das bestätigt meine Prognose, dass ihm eine große Zukunft bevorsteht. Aus deutscher Sicht ist ¬– männlich wie weiblich – zwar eine Einzelmedaille ausgeblieben. Die war aber von den Vorleistungen her auch nicht unbedingt zu erwarten. Dafür gab es dreimal Edelmetall in den Teamwettbewerben. Das ist erfreulich und wichtig für die Motivation aller Beteiligten.

AVIA: Danke fürs Gespräch.