Beim Fliegen auf dem Monsterbakken in Vikersund feierte Stephan Embacher seinen Premierensieg. Der Österreicher verwies Tomofumi Naito (Japan) und Johann Andre Forfang (Norwegen) auf die Plätze. Bei den Frauen gab es ¬ trotz verkürztem Programm zwei Wettkämpfe mit jeweils einer Siegerin -– Eirin Maria Kvandal. Alles genau beobachtet hat im Land der Fjorde AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund.
AVIA: Hallo Gerd, fangen wir mal mit den Frauen an. Da gab es aus deutscher Sicht Positives zu berichten - auch ohne Podestplatz. Wie hast du das vierte Jahr Fliegen für die Springerinnen erlebt?
Gerd Siegmund: Mit Katharina Schmid, Juliane Seyfarth und Agnes Reisch haben drei weitere Damen die magische 200-m-Marke geknackt. Selina Freitag hatte dies schon auf dem Portfolio stehen. Am Samstag verbesserte sie im annullierten Durchgang ihren deutschen Rekord vom Vortag nochmal auf nunmehr 227,5 Meter. Die Leistung bestand darin, dass Selina die Erkenntnis aus der Videoanalyse, über dem Vorbau noch mutiger in die Vorlage zu gehen, gut umgesetzt hat und belohnt wurde. So ähnlich war es auch bei ihren Mitstreiterinnen.
AVIA: Kannst du uns aufklären, ob dieser Rekord tatsächlich gültig ist? In den meisten Medien wurde geschrieben, wegen des annullierten Durchgangs zählen die 227,5 Meter nicht…
Gerd Siegmund: Ein deutscher Rekord ist ja kein offizieller Titel. Es gibt keine Regel dafür, um etwas an- oder abzuerkennen. Aus meiner Sicht ist das der weiteste Flug einer deutschen Springerin in einem offiziellen Durchgang ¬- auch wenn dieser später annulliert wurde -¬ gewesen. Also für mich gibt es da keine zwei Meinungen. Selina Freitag hält den deutschen Rekord mit 227,5 Metern, die ja offiziell vermessen wurden. Eine Lücke im Reglement sehe ich bei den Frauen woanders.
AVIA: Was meinst du?
Gerd Siegmund: Zum Finale in Planica sind nur die Top 15 im Gesamtweltcup zugelassen. Aus dem Grund werden Frida Westman, die Finnin Jenny Rautionaho oder Juliane Seyfarth bei der Flugpremiere für die Frauen in Slowenien fehlen, obwohl sie in Vikersund die Ränge zwei, acht und elf als beste Platzierungen aufweisen. Für alle, die Schwedin insbesondere, ist das sehr bedauerlich. Und die sechstplatzierte Silje Opseth hat ebenfalls kein Glück, weil sie als 16. des Gesamtweltcups für Lisa Eder, die auf Planica verzichtet, nicht nachrückt.
AVIA: Eders Landsmann Stephan Embacher wird dagegen im Tal der Schanzen fliegen. Was sagst du zu seinem ersten Weltcupeinzelsieg?
Gerd Siegmund: Phänomenal. Über sein riesiges Potenzial habe ich bereits nach dem Fliegen am Kulm gesprochen. Dass der Tiroler nun den Saison-Dominator Domen Prevc in dessen Heimat herausfordert, ist schon beeindruckend. Nur der Slowake Hektor Kapustik ist im Springerfeld noch jünger als der 20-jährige Embacher, der jetzt sogar die kleine Kristallkugel für den besten Skiflieger des Winters gewinnen kann.
AVIA: Dazu muss er aber in der Höhle des Löwen gegen Domen Prevc bestehen und sein Vorsprung ist mit 15 Zählern knapp. Warum hat der Slowene in Vikersund als Fünfter in seiner Spezialdisziplin den von vielen erwarteten Sieg verpasst?
Gerd Siegmund: Das hat irgendwie auch mit seiner Stärke zu tun. Durch seine Flugkünste ist der Anlauf bei ihm sehr schwer kalkulierbar. Im ersten Trainingssprung ist er gleich auf 245 Meter geflogen und auf dem Rücken rausgefahren. Deshalb hat die Jury in Absprache mit seinem Trainer die Anlauflänge eher konservativ mit weniger Risiko gewählt. Das ist auch richtig so, um ihn zu schützen. Kommt aber ein kleiner Fehler und Rückenwind hinzu, wird es auch für ihn schwer, bis ganz nach unten zu kommen.
AVIA: Zum Abschluss ein Wort zu den deutschen Springern. Wie schätzt du sie vor dem Finale furioso ein?
Gerd Siegmund: In jedem Fall hat sich Philipp Raimund zu einem persönlichen Rekord aufgeschwungen. Und auch die anderen Springer haben etwas für sich entdeckt, was sie zumindest in Schlagdistanz zur Weltelite bringt. Aber klar ist auch: Wunderdinge in Richtung Podest würde ich nicht erwarten – lasse mich aber gern positiv überraschen.