Spektakuläres Finale im Tal der Schanzen: Drei Flugästheten bekommen fünfmal die Haltungsnote 20. Die Slowenin Nika Prevc holt den Weltrekord nach Planica. Das letzte Weltcupwochenende hielt, was es versprochen hat. AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund war in den Julischen Alpen einer von vielen begeisterten Beobachtern.
AVIA: Hallo Gerd, wie hast du das Finale furioso erlebt?
Gerd Siegmund: Es war ein fantastisches Wochenende fürs Skispringen - mit 80.000 Fans und einer Megastimmung. Aber das durfte man nach den Vorleistungen der Prevc-Geschwister Nika und Domen auch erwarten, dass die Hütte voll ist und fast überkocht. Die Slowenen haben mittlerweile auch organisatorisch alles top im Griff. Und sie wurden mit dem Weltrekord bei den Frauen durch die Lokalheldin belohnt. Für sie ist es wichtig, dass sie nun beide Rekorde daheim in Planica haben.
AVIA: Domen Prevc, der Männer-Weltrekordler, ist diesmal aber mächtig gestrauchelt. Welche Erklärung hast du dafür?
Gerd Siegmund: Wenn du nach Hause kommst, alle auf dich schauen, dann willst du noch einmal etwas Besonderes machen. Und das ist beinahe schief gegangen. Sein Trainer Robert Hrgota hat mir gesagt, dass er ernsthaft überlegt hätte – wäre es ein normaler Weltcup gewesen – am Sonntag rausgelassen hätte. Aber bei diesen Zuschauermassen ist der Druck so riesengroß, das kannst du dir gar nicht leisten.
AVIA: Aber Domen Prevc hat es ja am Ende noch einmal hinbekommen. Was hat der König der Lüfte am Sonntag besser gemacht?
Gerd Siegmund: Ich denke, dass er sich aufs Wesentliche konzentriert hat. Mit der kleinen Skiflugkugel konnte er seine überragende Saison krönen. Tourneesieger, 14 Weltcupsiege, Gesamtweltcup und Skiflug-Weltcupsieger, Olympiasieger und Skiflugweltmeister. Also wenn in 20 Jahren mal jemand fragt, wer hat denn im Winter 2025/26, egal wann und wo, im Skispringen Siege gefeiert, einfach Domen Prevc sagen – das müsste fast immer stimmen.
AVIA: Trotz dieser Dominanz haben viele Nationen ein bisschen was vom großen Kuchen abbekommen. Wie lautet diesbezüglich dein Fazit?
Gerd Siegmund: Ja, Österreich hat die Nationenwertung gewonnen, Philipp Raimund Gold bei Olympia gewonnen. Polen, die Schweiz konnten bei den Winterspielen mit Tomasiak und Deschwanden ebenso Medaillen holen. Die Japaner haben eine sehr starke Saison abgeliefert, mit drei verschiedenen Einzelsiegern: Kobayashi, Nikaido und Überraschungsmann Naito. Und die Liste ließe sich bestimmt fortsetzen.
AVIA: Zum Abschluss in Planica gab es gleich mehrmals Fantastisches zu sehen. Hast du einen Favoriten?
Gerd Siegmund: Nein, aber man erlebt sicher nicht oft, wenn an einem Wochenende dreimal die Höchstbewertung mit fünfmal Note 20 gezückt wird. Und das war sowohl bei Marius Lindvik, Andreas Wellinger und Daniel Tschofenig absolut verdient. Vielleicht wollten die Wertungsrichter auch noch ein bisschen was aus der Saison gutmachen. Bewegend ist es natürlich auch, wenn solche Skisprung-Denkmäler wie Kamil Stoch abtreten nach einer großen Karriere.
AVIA: Norwegen hat sich auch wieder zurückgemeldet. Wie beurteilst du das mit Blick auf den WM-Skandal in Trondheim?
Gerd Siegmund: Ich hoffe, dass dies dazu beiträgt, dass sich die Norweger nun wieder aufs Wesentliche konzentrieren und nicht weiter mit dem Finger auf andere zeigen. Marius Lindvik hat gezeigt, dass er auch fair gewinnen kann. Insgesamt hat es in der Saison mit den neuen Kontrollen gut funktioniert. Und ich weiß, dass Matthias Hafele als Chefkontrolleur noch einiges vorhat, um das noch zu optimieren und zu standardisieren. Die Einführung von Roten und Gelben Karten hat sich aus meiner Sicht auch bewährt.
AVIA: Wie schätzt du die deutschen Leistungen im letzten Winter mit Bundestrainer Stefan Horngacher ein?
Gerd Siegmund: Sicher ist nicht alles aufgegangen, was man sich erhofft hat, zum Beispiel bei der Tournee. Der Olympiasieg deckt einiges zu, wobei auch Felix Hoffmann – so wie nie zuvor - insbesondere in der ersten Saisonhälfte auf absolutem Weltklasseniveau gesprungen ist. Letztlich muss man auch analysieren, warum es ein Andi Wellinger und Karl Geiger erst zum Saisonende geschafft haben, sich auf die neuen Anzüge einzustellen und ihren Sprungstil dem neuen Reglement anzupassen.
AVIA: Im Frühjahr wird es ohne „Steff“, den Chef der letzten sieben Jahre, weitergehen. Weißt du, was der Trainer künftig machen wird und wie es in Deutschland weitergeht?
Gerd Siegmund: Man munkelt, dass es Stefan in irgendeiner Funktion, nicht aber erneut als Cheftrainer, nach Polen zieht. Hierzulande ist noch nichts spruchreif. Aber die Trainerfrage ist im Spitzenbereich nicht das Allerwichtigste. Wichtig ist, dass wir wieder mehr Kinder für diesen Sport gewinnen. Ich habe von einem Nachwuchstrainer in Willingen gehört, dass es nach Philipp Raimunds Olympiasieg zehn Anrufe von Eltern gab, die wissen wollten, wo sie ihre Kinder fürs Skispringen anmelden können. Diese Chance muss man nutzen.
AVIA: Danke fürs Gespräch.