Gerd Siegmund: Vor dem Skisprung-Weltcup in Klingenthal


„Ich erwarte ein phantastisches Publikum“

Nach dem Weltcup ist vor dem Weltcup. Mit Yukiya Sato aus Japan und dem Österreicher Stefan Kraft hat es in Nischni Tagil zwei neue Saisonsieger gegeben. Mittendrin verfolgte AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund die Wettbewerbe im Ural-Gebirge. Wir haben mit ihm gesprochen.

AVIA: Gerd, nun hat sich Deine Prognose, dass die Fans in diesem Winter keinen Seriensieger im Skispringzirkus sehen werden, erfüllt. Oder spielte der Wind diesmal Daniel Andre Tande übel mit? Gerd Siegmund: Das würde ich so nicht sagen, aber wie schon auf den ersten zwei Stationen in Wisla und Ruka hat der Wind auch diesmal die Wettbewerbe beeinflusst. Am Samstag war es noch einigermaßen okay, am Sonntag dann aber wieder viel Pech und Glück im Spiel. Bisher ist es in diesem Winter leider so, dass die Verhältnisse die Sieger mitbestimmten.

AVIA: Und trotzdem lässt sich erkennen, dass Springer wie zum Beispiel Karl Geiger beständig gut sind. Oder siehst Du das anders? Gerd Siegmund: Nein, die Athleten, die bereits einigermaßen in Form sind, meistern die Bedingungen besser als jene, die noch auf der Suche nach dem Optimum sind. Karl Geiger hat bestätigt, dass er derzeit unser bester ist. Richard Freitag hatte wirklich zweimal Pech mit dem Wind. Und Markus Eisenbichler ist noch zu instabil.

AVIA: Würde Weltmeister Eisenbichler trotz des bevorstehenden Heimspringens in Klingenthal eine Trainingsphase jetzt mehr bringen in Richtung Vierschanzentournee als die Formsuche im Wettkampfstress?

Gerd Siegmund: Zum Glück bin ich kein Bundestrainer, um das zu bewerten. Aber man muss auch immer die Alternativen sehen. Wo, außer in Lillehammer, kann man derzeit in Ruhe auf Schnee trainieren? Da gibt es kaum Möglichkeiten in Mitteleuropa. Zudem sind Markus Eisenbichler wie erwähnt im Training gute Einzelsprünge gelungen. Die muss er nun in den Wettkampf bringen.

AVIA: Hat sich die Anzugthematik im fernen Ural etwas beruhigt?

Gerd Siegmund: Hinter den Kulissen wird viel darüber diskutiert. Jeder findet es für den Skisprungsport nicht gut, wenn sich nicht an die Regeln gehalten wird. Aber wie weit dann im Endeffekt jeder mitzieht, kann ich nicht beantworten.

AVIA: Du bist als Servicemann, ZDF-Mitarbeiter und Athletenmanager nah dran am Geschehen. Wie muss man sich so einen Weltcup in Russland vorstellen?

Gerd Siegmund: Das ist alles sehr top organisiert und fällt zu anderen Weltcups in Europa nicht ab. Alle Sportler sind in einem großen Hotel untergebracht. Das Essen ist vielleicht nicht ganz so gut, aber ansonsten gibt es da nichts zu meckern. Die An- und Abreise ist halt ein bisschen beschwerlich.

AVIA: Inwiefern? Gilt mit dem Flugzeug nicht, was beim Springen Usus ist? Oben geblieben ist noch keiner?

Gerd Siegmund: Ja, schon, aber unten geblieben passiert eben auch mal. Österreicher, Japaner und Polen haben wie das ZDF-Team die Anschlussflüge in Moskau verpasst. Da kann die Rückreise schon mal etwas länger dauern. Aber dafür ist es eben ein Weltcup, und es können Springen ja nicht nur in Skandinavien und Mitteleuropa stattfinden.

AVIA: Von Nischni Tagil zum kommenden Wochenende: Da geht es in Deiner sächsischen Heimat im Weltcup weiter. Mit welchen Erwartungen von Dir?

Gerd Siegmund: Zunächst einmal finde ich es gut, dass AVIA beide Veranstaltungen, sowohl in Russland als auch in Klingenthal , unterstützt – und das nicht zum ersten Mal. In der Vogtland-Arena erwarte ich wie immer ein phantastisches Publikum.

AVIA: Und Sportlich betrachtet?

Gerd Siegmund: Ich könnte mir vorstellen, dass die Österreicher in Richtung Tournee weiter im Aufwind sind. Gregor Schlierenzauer hat bereits zweimal im Winter und dreimal im Sommer in Klingenthal triumphiert. Serin vierter Rang in Nischni Tagil hat gezeigt, dass mit ihm wieder zu rechnen ist. Aber auch ein Karl Geiger hat in der Vogtland-Arena zur nationalen Meisterschaft im Oktober Sprünge auf extrem hohem Niveau gezeigt. Bei den Damen gibt es nach dem Doppelsieg von Maren Lundby zum Weltcupauftakt in Lillehammer eine klare Favoritin, welche zur Seriensiegerin werden kann. Es wird also spannend und ich hoffe, dass der Wind nicht erneut störend in die Wettkämpfe eingreift.

Die neun Weltcupsieger von Klingenthal:

  • 1986: Matti Nykänen (Finnland)
  • 2007, 2009: Gregor Schlierenzauer (Österreich)
  • 2010: Simon Ammann (Schweiz)
  • 2011: Kamil Stoch (Polen)
  • 2012: abgesagt
  • 2013: Jaka Hvala (Slowenien)
  • 2014: Krzysztof Biegun (Polen)
  • 2015: Daniel Andre Tande (Norwegen)
  • 2016: Domen Prevc (Slowenien)
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