Nach Sturz von Stephan Leyhe: Es braucht neue Regeln beim Material

Die schwarze Serie hält an. Nach den Kreuzbandverletzungen von Ex-Weltmeister Severin Freund, Olympiasieger Andreas Wellinger und Junioren-Weltmeister David Siegel hat es nun auch Stephan Leyhe mit einer schweren Knieverletzung erwischt. Der Willinger stürzte in der Qualifikation von Trondheim nach einem Sprung auf 141,5 Meter. Wir haben mit AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund über die Ursachen der Landeproblematik gesprochen. Und er erklärt, warum Karl Geiger ausgerechnet jetzt schwächelt und was er von einer Skiflug-WM in Planica ohne Zuschauer hält.


AVIA: Hallo Gerd, da überschlagen sich gerade die Ereignisse. Was geht Dir nach dem Sturz von Stephan Leyhe durch den Kopf?

Gerd Siegmund: Es muss sich etwas tun im Frühjahr. In Lillehammer hatte es zuvor Jacqueline Seifriedsberger mit einem Kreuzbandriss erwischt. Die Häufung macht betroffen mit Blick auf jedes Schicksal und bereitet Sorge, gerade was die Nachwuchsgewinnung angeht. Ich habe selbst einen Sohn, der mit Skispringen angefangen hat. Es darf nicht sein, dass sich das Schuh-Bindungssystem im Spitzenbereich so verändert, dass es zwar sicher im Flug ist, aber Weiten im hohen Landebereich ein zu großes Risiko darstellen.

AVIA: Was schlägst Du vor?

Gerd Siegmund: Dass alle an einen Tisch kommen und sich eine Meinung bilden, die dem Athleten zugutekommt. Mit alle meine ich die Funktionäre, die Trainer, Ärzte, Athleten sowie die Schuh- und Bindungshersteller. In erster Linie müssen die Nationen auf den Weltverband FIS zukommen und eine Änderung des angesprochenen Materialbereichs beantragen. Dabei darf es - unabhängig von den Interessen der Nationen - nicht um einen einzelnen gehen. Es geht um das große Ganze. Ich könnte mir vorstellen, dass schon mit beschränkenden Maßnahmen bei der Verwendung von den Rundumschuhkeilen eine Entspannung der Lage eintritt.

AVIA: Schon vor Leyhes schwerem Sturz hatte sich das Duell um die Weltcupkrone zwischen Karl Geiger (zweimal 19.) und Stefan Kraft (8./17.) zugunsten des Österreichers entwickelt. Warum schwächelt der Allgäuer ausgerechnet, wenn Kraft ihm eine Chance bietet?

Gerd Siegmund: Das ist ein Phänomen, das es in den letzten Jahren so nicht gegeben hat. Die souverän Führenden lassen quasi von einem auf den anderen Tag unisono aus. Für Karl ist es frustrierend. Da muss man jetzt auch keine künstliche Spannung aufbauen. Für die große Kristallkugel müsste bei 140 Punkten Rückstand und nur noch zwei Wettbewerben in Trondheim und Vikersund ein kleines Wunder geschehen. Karl Geigers starke Saison soll das aber nicht schmälern.

AVIA: Du warst in Lillehammer live dabei. Was ist Dein Eindruck?

Gerd Siegmund: Ich glaube, bei Karl hat sich ein Fehler in der Anfahrtshocke eingeschlichen, der sich wie in einer Kettenreaktion auf den gesamten Sprung auswirkt. Er sitzt nach meinem Empfinden etwas zu hoch, deshalb fehlt ein bisschen der Impuls an der Schanzentischkante, und dadurch kommt es nicht ganz zur Drehung in die richtige Flugposition. Somit bremst das System es mehr. Wir reden da aber über Nuancen. Man sieht, wie sehr sich Kleinigkeiten auswirken können, wie hoch das Niveau im Feld insgesamt geworden ist.

AVIA: Hast Du eine Ahnung, warum er plötzlich höher anfährt als in der ganzen Saison bisher?

Gerd Siegmund: Eine Ahnung schon, aber keine Gewissheit. Ich denke, dass der lange Winter insgesamt seinen Tribut fordert. Wenn Du nicht mehr ganz so frisch bist, dann weicht der Körper unbewusst aus. Klar sagst Du nach außen, ich bin fit und gut drauf. Aber das hat sicher auch etwas mit Psychologie zu tun, wie man sich gegenüber der Konkurrenz öffentlich gibt. Ich denke auch, dass er in seiner eigenen Wahrnehmung vielleicht denkt, gar nicht höher in der Anfahrt zu hocken als bisher. Aber im Video lässt sich das gut belegen.

AVIA: Ein Wort zur RAW-Air-Tournee. Wie siehst Du die strapaziöse Wettkampfserie zum Saisonende?

Gerd Siegmund: Positiv. Klar besteht immer das Risiko, dass  mal was ausfällt. Aber Oslo ist unkompliziert in Lillehammer nachgeholt worden. Die Organisatoren sind sehr beflissen. Der Transport mit dem Bus von Oslo nach Lillehammer und dann mit dem Zug nach Trondheim ist perfekt vorbereitet. Die Athleten bekommen im Hotel sofort ihre Zimmerschlüssel, ohne Wartezeiten und unnötigen Stress. Von Trondheim gibt es eine Chartermaschine nach Vikersund, wo ein Team- und ein Einzelfliegen die RAW-Air-Tournee abschließen.

AVIA: Ein Wort zu den Damen?

Gerd Siegmund: Da geht es nicht so eng zu wie bei den Männern. Maren Lundby hat über 40 Zähler Vorsprung vor ihrer Landsfrau Silje Opseth. Dass Opseth zur Siegerehrung in Lillehammer zunächst auf Platz eins geehrt wurde und dann aufgrund einer Datenpanne auf Rang zwei zurückgesetzt wurde, ist ärgerlich für alle und die 20-Jährige natürlich am meisten. 

AVIA: Wozu sind die deutschen Damen bei der „RAW-Air“ noch fähig?

Gerd Siegmund: Katharina Althaus liegt vor dem abschließenden Springen in Trondheim in der Gesamtwertung nur zwei Zehntelpunkte hinter der drittplatzierten Österreicherin Eva Pinkelnig in Lauerstellung. Ich denke, da geht noch.

AVIA: Apropos Podest: Peter Prevc stand in Lillehammer nach drei Jahren wieder ganz oben auf dem Stockerl. Was sagst Du dazu?

Gerd Siegmund: Es hat mich riesig gefreut. Denn nach seinen großen Erfolgen ist es sicher mental nicht so einfach, wenn Du plötzlich im Mittelmaß versinkst. Es hat sich ausgezahlt, dass er immer dran geblieben ist. Die Slowenen sind insgesamt mit Blick auf die Skiflug-WM daheim in Planica im Aufwind.

AVIA: Wenn die WM überhaupt stattfindet. Wie ist Deine Meinung zu den Auswirkungen des Coronavirus auf die Sportveranstaltungen?

Gerd Siegmund: Da müssen sich alle Beteiligten den Regelungen und Weisungen der Behörden unterordnen. Das ist natürlich extrem schade, gerade wenn man das Fluidum, die Begeisterung der Fans in Planica kennt. Die Frage ist, ob es nicht besser wäre, die WM ganz abzusagen und sie ein Jahr später ebenfalls am Saisonende nachzuholen.

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