Skisprung-Experte Siegmund: Karl Geiger als Schutzschild

Nach dem Weltcup ist vor der Tournee-Generalprobe. Ryoyu Kobayashi hat in Klingenthal seinen ersten Saisonsieg gefeiert und die Weltcupführung erobert. Der Dominator des Vorwinters scheint rechtzeitig vor dem ersten Saisonhighlight, der Vierschanzentournee, in Topform zu kommen. Wir haben AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund nach dem von AVIA unterstützen Weltcup in der Vogtland-Arena befragt.


AVIA: Hallo Gerd, bevor wir auf den Sport schauen: Warst Du selbst erstaunt, dass nach diesen Wetterprognosen drei relativ faire Wettkämpfe in der Vogtland-Arena über die Bühne gehen konnten?

Gerd Siegmund: Ich habe es bei aller Skepsis nach den ersten drei turbulenten Weltcup-Stationen immer gehofft, dass es so kommt. Gerade das Herren-Einzel am Sonntag war in diesem Winter der fairste Wettbewerb.

AVIA: Wie findest Du einen Doppelweltcup mit Damen und Herren?

Gerd Siegmund: Grundsätzlich ist es eine gute Sache. Ich denke aber, man sollte es nicht jedes Wochenende so machen. Man hat schon gesehen, dass die Breite bei den Damen noch fehlt. Eine Quali gab es ja nicht, weil nur 40 Starterinnen zusammenkamen. Und gerade bei schwierigen Verhältnissen wird den jungen Mädels von der Großschanze doch ziemlich viel abverlangt. Die Spitze kann das zwar, aber insgesamt braucht es noch ein bisschen Zeit.

AVIA: Etwas Zeit hat sich auch Ryoyu Kobayashi zu Saisonbeginn genommen. Ist der Japaner vor der nahenden Vierschanzentournee nun wieder reif für Siege am Stück?

Gerd Siegmund: Das sieht ganz danach aus. In Wisla war er noch übermotiviert, da ist er viel zu aggressiv im ersten Flugdrittel in die Vorlage gegangen. In Nischni Tagil stand er schon auf dem Podest. Und nun lässt er den Sprung besser entwickeln, so kommt er auf mehr Höhe. Es scheint so, dass er sich das Gefühl wieder erarbeitet hat.

AVIA: Wie ist Dein Gefühl, was die deutschen Ski-Adler angeht?

Gerd Siegmund: Da hat sich in Klingenthal die aktuelle Situation bestätigt. Wir können froh sein, dass Karl Geiger beständig seine Leistung bringt. Dass er mit nicht mal optimalen Sprüngen Fünfter wird, ist ein gutes Zeichen. Der frühere Bundestrainer Reinhard Heß hätte wohl gesagt, er ist derzeit der Schutzschild im Team. Karl nimmt etwas den Druck raus. Die Teamkollegen dürfen sich aber nicht dahinter verstecken.

AVIA: Du bist als Berater von Richard Freitag ganz nah dran. Hast Du ihm nach seinem Heimspringen einen Bierabend verordnet?

Gerd Siegmund: Jeder kann sich ausmalen, wie es in ihm aussah, wenn Du seit ewiger Zeit das Finale verpasst. Deshalb war es auch gut, dass er mit den drei anderen Weltmeistern gleich von Klingenthal mit dem Flieger zur Sportler-des-Jahres-Gala nach Baden-Baden gebracht wurde. Dort gab es ja auch eine Party nach der Ehrung, neue Gesichter und erst einmal Ablenkung.

AVIA: Und eine Ehrung, die nicht so oft passiert in einem Springerleben…

Gerd Siegmund: Ich finde es phänomenal, dass die Skispringer von den Journalisten zum Team des Jahres gewählt worden sind. Das zeigt, die Sportart ist interessant, und die Sportler genießen eine hohe Wertschätzung – natürlich auch bei den Zuschauern.

AVIA: Nochmal zurück zu Richard Freitag. Woran hapert es genau?

Gerd Siegmund: Es ist ein technisches Problem. Ihm fehlt das Gefühl im Absprung und Übergang in den Flug. Das Problem beginnt wohl schon mit der Sitzposition in der Anfahrt, die nicht optimal ist und dazu führte, dass er einseitig abgesprungen ist.

AVIA: Hattest Du auch schon mal so eine Situation, in der es aber von einem auf den anderen Sprung wieder funktioniert hat?

Gerd Siegmund: Das ist so eine Sache. Wenn er herausfindet, was das Problem genau ist, wird Richard auch in der Lage sein, es abzustellen. Wenn es dann in ein, zwei Sprüngen gut klappt, kommt das Selbstvertrauen auch schnell zurück. Aber klar ist auch: Bis zur Tournee bleibt nur wenig Zeit. Deshalb wäre es gut, wenn am Donnerstag vor und am Montag nach Engelberg vielleicht noch zwei Trainingstage dazukommen.

AVIA: Zur Vierschanzentournee wird auch Martin Hamann wieder zur deutschen Mannschaft dazugehören. Wie stellt er sich aktuell an?

Gerd Siegmund: Die Kurve zeigt nach oben. In Kuusamo wurde er im COC zweimal Fünfter, und die Jungs in der 2. Liga können ja auch gut Skispringen. Ich bin guter Dinge, dass wir ihn zum Tourneestart in Oberstdorf in guter Form sehen werden.

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