Gerd Siegmund nach Bergisel: Das Momentum liegt bei Lindvik

Die Fönwinde am Bergisel haben das Klassement der Vierschanzentournee durcheinandergewirbelt. Aus einem vermeintlichen deutsch-japanischen Duell (Karl Geiger – Ryoyu Kobayashi) ist ein Vierkampf inklusive Innsbruck-Triumphator Marius Lindvik (Norwegen) und Dawid Kubacki (Polen) geworden. AVIA-Skisprungexperte Gerd Siegmund blickt im Frage-Antwort-Spiel auf die dritte Tourneestation zurück und analysiert die Titelchancen der vier Sieganwärter.


AVIA: Hat es etwas mit dem verflixten Bergisel auf sich?

Gerd Siegmund: Nach dem ersten Durchgang sah es tatsächlich danach aus, dass die Bergiselschanze den deutschen Springern bei der Tournee wieder einmal zum Verhängnis wird. Severin Freund, Richard Freitag und Markus Eisenbichler hatten dort in jüngster Vergangenheit ihre Siegchancen verspielt. Aber ich glaube nicht an so etwas wie einen Fluch vom Bergisel. Im vergangenen Februar haben die Deutschen bekanntlich zur WM an dieser Schanze Medaillen abgeräumt wie keine andere Nation. Zudem sind die Chancen für Karl Geiger nach wie vor intakt. 13,3 Punkte aufzuholen, also umgerechnet rund 7,5 Meter, sind machbar.

AVIA: Was sind die Gründe für Geigers ersten schwachen Tourneesprung gewesen?

Gerd Siegmund: 15,5 Meter, die Marius Lindvik nur kurze Zeit später weiter sprang, sind eine Menge Holz. Es kamen beim Deutschen drei negative Umstände zusammen: Im Absprung war er minimal zu früh. Dadurch fehlte ihm die richtige Drehung und Höhe im Sprung. Hinzu kam der schwächere Aufwind, der dieses Problem verschärfte. Und das dritte Ärgernis war die für Geiger ungewöhnlich langsame Anfahrtsgeschwindigkeit im ersten Durchgang.

AVIA: Wird der deutsche Hoffnungsträger den Dämpfer wegstecken?

Gerd Siegmund: Davon ist auszugehen. Im Finaldurchgang war er mit der zweitbesten Punktzahl wieder auf dem Niveau der ersten beiden Tournee-Wettbewerbe. Dass er trotz dieses ersten Sprungs in Innsbruck noch um den Tourneesieg mitkämpft, sollte Motivation genug sein. Klar ist aber auch: Bis auf Stephan Leyhe präsentierte sich die deutsche Mannschaft nicht so geschlossen stark wie bei den zwei Heimspringen zuvor. Ich denke aber, dass Stefan Horngacher die richtigen Worte finden wird. Oder um mit den Worten des Bundestrainers zu sprechen: „Aufgeben tut man nur einen Brief auf der Post.“

AVIA: Bei wem geht denn aus dem Quartett der Siegkandidaten in Bischofshofen so richtig die Post ab?

Gerd Siegmund: Da liegt das Momentum schon beim Norweger. Lindvik hat zweimal in Folge gewonnen. Er strotzt nur so vor Selbstverständnis, meisterte mit seiner genialen Technik unterschiedliche Windbedingungen am Bergisel. Da sollte es kaum ins Gewicht fallen, dass er die Anlage in Bischofshofen noch gar nicht kennt. Klar wünsche ich es Karl Geiger; doch ich ertappe mich dabei, dass ich wieder mal Dawid Kubacki unterschätze. Er kann mittlerweile nicht nur bei Rückenluft seine Absprungstärke ausspielen, er fliegt auch bei Aufwind vorn mit. Und auch Ryoyu Kobayashi sollte nochmal angreifen können. Es wird also in jedem Fall ein spannendes Finale furioso geben.

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